TRUDE WAEHNER

KÜNSTLERISCHE STUNDE

Öl auf Leinwand

90 x 69 cm

Nachlassstempel am Keilrahmen

Rückseitig Doppelporträt von Leopoldine und Oskar Kurz

„Es hat mich allerdings immer nur interessiert Menschen zu malen und zu zeichnen, die meine Gedanken und Gefühle beschäftigen.“ (1955) 

Waehners Gemälde zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Leuchtkraft aus, die durch das Zusammenspiel kontrastreicher Partien von Licht und Schatten entsteht. Sie entschied sich bewusst für eine gegenständliche Bildsprache, um ihre persönliche Wahrnehmung der Welt zum Ausdruck zu bringen. Dieser Ansatz zeigt sich besonders deutlich in ihren Porträts sowie in ihren stimmungsvollen Interieur- und Genredarstellungen, für die das vorliegende Werk ein herausragendes Beispiel ist. 

Hier wählte die Künstlerin ein stilles Motiv in einem Raum vielleicht am Nachmittag gesehen, als der junge Bursch gemütlich in seinem Heft liest und der Maler bei der Staffelei an seinem Gemälde arbeitet. 

Waehner zeigt eine üppige Pflanzenreihe beim Fenster. Von dort gelangt das Licht in den Raum und erhellt die Rückansicht des Lesenden. Beide Personen sind in ihre Tätigkeit vertieft, man spürt die Konzentration und angenehme Ruhe dieser Szene. 

Besonders auffallend ist der von hinten dargestellte Stuhl, der im Vordergrund einen markanten Platz einnimmt. Er ist mit solcher Präzision wiedergegeben, dass sich das Modell eindeutig identifizieren lässt: Es handelt sich um einen von Josef Frank entworfenen Stuhl, der erstmals 1927 für ein Haus der Weißenhofsiedlung verwendet wurde (Information von Dr. S. Hackenschmidt, MAK; vgl. M.Wallner, Haus&Garten. Ein Beitrag zur österr. Wohnkultur, Diss. Techn. Univ., Graz 2008, S. 141). Charakteristisch für dieses Modell ist die Rückenlehne aus schlanken, hellen Bambusstäben. 

Frank war ein enger Freund Waehners. Während seiner Jahre im New Yorker Exil zu Beginn der 1940er- Jahre unterstützte sie ihn. Von ihren Gemälden tief beeindruckt, ließ er sich später von ihr in der Kunst der Aquarellmalerei unterrichten. 

Auf der Rückseite der Leinwand befindet sich ein weiteres vollendetes Gemälde: ein Doppelporträt von Poldi (Leopoldine) und Dr. Oskar Kurz, einem bekannten Anästhesisten in Wien. Mit seiner leuchtenden, farbintensiven Palette steht es der „Künstlerischen Stunde“ nahe und belegt erneut Waehners außergewöhnliches Gespür als Porträtmalerin.