koloman moser
dents du midi mit dem rhônetal
um 1913
monogrammiert
Öl auf Leinwand
50 × 75,5 cm
In diesem Gemälde hält Koloman Moser die „Dents du Midi“, das beeindruckende Massiv der Westalpen im Schweizer Kanton Wallis, fest. Es gelingt ihm in herausragender Weise, die frühlingshafte Atmosphäre des ergrünenden Tals und das helle Sonnenlicht am Horizont dem kühlen, monumentalen Bergmassiv gegenüberzustellen. Raffiniert gesetzte helle Gelbtöne bilden in weiten Teilen eine leuchtende Kontur entlang der Gipfellinie und heben diese flirrend aus dem Himmel hervor. In ruhigen, warmen Tönen ist das breite Rhônetal wiedergegeben: es herscht klare Sicht, nur eine schmale Nebelschwade liegt über der Landschaft.
Am unteren Bildrand erscheint die nahsichtige Vegetation des Betrachterstandpunktes, wodurch die weiten und hohen Dimensionen der Tal- und Gebirgslandschaft wirkungsvoll betont werden.
Die Dents du Midi sind ein markantes Bergmassiv in den Walliser Alpen im Südwesten der Schweiz. Das Massiv liegt im Kanton Wallis, nahe der Gemeinde Champéry und dem Val d’Illiez, unweit des Genfersees und der französischen Grenze. Seine sieben charakteristischen Gipfel reihen sich auf einem geschwungenen Grat aneinander, beginnend links mit der „Cime de L’Est“ und rechts mit dem höchsten Gipfel, der „Haute Cime“ (3.257 m).
Koloman Moser, eine der Schlüsselfiguren der Wiener Moderne, Mitbegründer der Wiener Secession und treibende Kraft der Wiener Werkstätte, reiste im April 1913 mit seinem Sohn Dietrich in das Sanatorium Les Chamois in der westschweizerischen Gemeinde Leysin.
Der hoch über dem Rhônetal gelegene Ort bot selbst bei nebeligen Verhältnissen einen unverstellten Blick auf die Bergkette der Dents du Midi, den Moser in diesem Bild festhält. Von diesem Motiv ist nur noch eine weitere bekannte Variante überliefert, die sich durch eine reduzierte Farbwahl und den über dem Tal liegenden Nebel in einer deutlich kühleren Stimmung unterscheidet.
Gut möglich, dass ihn Ferdinand Hodler, ein bedeutender Vertreter der europäischen Moderne um 1900, zur Motivwahl angeregt hatte. Kurz zuvor, im Jahr 1912, malte Hodler die Dents du Midi in mehreren Varianten. Moser hatte Hodler bereits 1903 im Rahmen der Vorbereitung einer Secessionsausstellung kennengelernt. Während seines Aufenthalts im Frühjahr 1913 nutzte Moser die Gelegenheit, ihn in Genf zu treffen. Sie verbrachten mehrere Tage miteinander und er besuchte Hodlers Atelier.
Besonders auffallend in Mosers „Dents du Midi mit dem Rhônetal“ ist, dass er nicht sosehr die Monumentalität der Gebirgsformen betont, sondern vielmehr bestrebt ist das flirrende Licht der Bergwelt einzufangen. Durch die Wahl der Farben stellt er das ruhige, wärmere Tal dem unruhigeren, kühleren Berg- und Himmelsbereich gegenüber. Moser war ein großer Verfechter der Farbentheorie Johann Wolfgang von Goethes, die Licht und Farbe als subjektives Wahrnehmungserlebnis versteht. Diese Stimmungswerte bringt er in besonderer Weise in seinen Landschaftsbildern zum Ausdruck, die nicht durch Hell-Dunkel-Konturen bestimmt sind, sondern durch fein abgestimmte Farb- und Lichtwerte.
Das Gemälde entstand zu einem Wendepunkt von Mosers Malkunst. Die Begegnung mit Hodler im Jahr 1913 beeinflusste und vertiefte seine Auseinandersetzung mit einer monumentalen, auf klare Formrhythmen ausgerichteten Bildsprache. Das ohnehin monumentale Berglandschaftsmotiv der Dents du Midi bot hierfür einen idealen Anknüpfungspunkt und wurde zu einem wichtigen Ausgang für Mosers weitere künstlerische Entwicklung, die in den folgenden Jahren zu einer verstärkten formalen Reduktion führen sollte.
PROVENIENZ:
1918 Nachlass Koloman Moser, Wien (Editha Hauska, Karl Moser, Dietrich Moser, Wien); 1920 Kunstverlag Wolfrum; Privatbesitz, Wien
MARKIERUNGEN:
Nachlassnummer „84“ (Pinsel in Schwarz am Keilrahmen) und „30“ (Farbstift in Lila am Keilrahmen)
AUSGESTELLT:
23.11.1920–15.12.1920: „Kolo Moser-Nachlass-Ausstellung“,
Kunstverlag Wolfrum, Wien
25.5.2007–10.10.2007: „Koloman Moser 1868–1918“,
Leopold Museum, Wien
PUBLIZIERT:
Kat. Ausst., „Kolo Moser“ Wolfrum, Wien 1920, S. 3, Nr. 84 „Hochgebirge“
G. Pichler, „Moser. Werkverzeichnis“, Wien 2012, S. 119, Kat. Nr. 105, mit Abb.
„Koloman Moser. Monografie und Werkverzeichnis“, Gerd Pichler/Stefan Üner, „Koloman Moser. Online-Werkverzeichnis“ (Belvedere Werkverzeichnisse. 10), Wien 2018, Nr. GE105.