BRONCIA KOLLER-PINELL

STILLLEBEN MIT gmundner Keramik

um 1918/20

signiert

Öl/Leinwand

47 × 70 cm 

Das vorliegende Stillleben besticht nicht nur durch sein ausgewogenes Arrangement, sondern ist zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis ihrer Freundschaft zu Egon Schiele in dessen letztem Lebensjahr.

Auf einer Fläche sind ein roter und ein grüner Stoff drapiert, die einen Kürbis sowie gelbe und rote Früchte harmonisch umrahmen. Das besondere Augenmerk liegt jedoch auf der Deckelschüssel im charakteristischen grünen Dekor der Gmundner Keramik und dem prachtvoll bemalten Bauernkrug. Etwas abseits von Keramiken und Früchten liegt rechts im Vordergrund eine leicht welke, dunkelrote Rose.

Es ist bekannt, dass im Hause Koller auch bäuerliche Keramik gesammelt wurde. Immer wieder finden sich diese Stücke in bedeutenden Werken ihres Œuvres – etwa im 1910 entstandenen „Töpfermarkt“ (NÖ Landessammlungen) sowie in verschiedenen Stillleben. Diese kunstvoll arrangierten Alltagsgegenstände spiegeln nicht nur die persönliche Lebenswelt der Künstlerin wider, ssondern dokumentieren zugleich den stilistischen Wandel in ihrem künstlerischen Schaffen.

Im Jahr 1918 stand Egon Schiele in engem künstlerischen Austausch mit Koller-Pinell. Gemeinsam mit seiner Frau Edith verbrachte er im Sommer viel Zeit auf dem Landgut der Familie Koller in Oberwaltersdorf. Während Broncia in dieser Zeit ein Doppelporträt des Ehepaares anfertigte (Landessammlungen Niederösterreich), Porträtierte Schiele den Hausherrn Hugo Koller (Belvedere, Wien) und unterrichtete deren Tochter Silvia.

In diese Phase intensiven Schaffens fiel auch die gemeinsame Initiative zur Gründung der „Neuen Secession“ sowie in weiterer Folge des „Sonderbundes“. Diese fruchtbare Zeit fand jedoch ein baldiges tragisches Ende: Im Oktober 1918 musste Koller-Pinell Schiele noch zum Tod seiner Frau kondolieren, bevor dieser nur wenige Tage später selbst verstarb.

Bemerkenswert sind mehrere 1918 datierte Studien Schieles, in denen er gezielt Stücke aus der Keramiksammlung der Kollers festhielt. In einer dieser Gouachen findet sich auch der im vorliegenden Stillleben detailreich wiedergegebene Bauernkrug mit dem Trachtenpaar auf der Vorderseite wieder (vgl. Abb. in Kat. Ausst. „Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk“, Belvedere, Wien 1924, S. 153).

Die Einbeziehung eben jenes von Schiele gezeichneten Kruges verleiht der leicht welken Rose im Vordergrund des Stilllebens eine zusätzliche Bedeutungsebene: Sie lässt sich zugleich als stille Erinnerung an den verstorbenen Künstlerfreund und als klassischen Symbol der Vergänglichkeit lesen.

Das Gemälde ist eine bedeutende Neuentdeckung, die das Œuvre der Künstlerin um ein eindrucksvolles Stillleben erweitert.