Carl MOLL

BLICK AUF DEN DONAUKANAL MIT DER AUGARTENBRÜCKE

um 1900

monogrammiert

Öl auf Holz

26,5 x 35,5 cm

Dokumentiert: C.Cabuk, Werkverzeichnis C.Moll, 2020, Nr. GE 151 

Moll hält in seiner leichten, impressionistischen Malweise das bunte Treiben vor der Rossauer Kaserne fest. Aus erhöhter Perspektive eröffnet sich der Blick über die Augartenbrücke auf das gegenüberliegende Ufer des Donaukanals bis hin zum fernen Kahlenberg. 

In seiner wunderbar leichten Malweise fängt er die Szenerie auf dem breit angelegten Kai ein. Einzelne Farben kommen in leuchtenden Tönen besonders zur Geltung: Schattige Konturen und Flächen treten in teils intensiven Blau hervor, von der Sonne beschienene Fassaden blitzen in Weiß und leuchtendem Gelb, und die Wiesen entlang des Donaukanals sind in hellem Grün wiedergegeben. In dunklen Farben sind die eilenden Menschen – zu Fuß oder in ihren Kutschen – flott umrissen. Einzig die rote elektrische Tramway scheint ruhig auf den Schienen zu gleiten. Moll hat hier alle Facetten des aufblühenden großstädtischen Treibens eingefangen. 

Seine Malweise ist spontan, mit ganz gezielt gesetzten Pinselstrichen. Diese unmittelbare Ausführung des Bildes erklärt sich dadurch, dass es sich um eine Vorstudie zu einem größeren Ölgemälde handelt, das sich heute in der Albertina in Wien befindet.

Auf dem Bild ist ein Teil der der historischen Augartenbrücke zu sehen. Diese wurde 1873 anlässlich der Wiener Weltausstellung eröffnet. Als Eisenkonstruktion stellte sie eine technische Innovation dar: Ein Hängewerk mit Tragketten überspannte den Donaukanal ohne Zwischenpfeiler. Vier Portalpfeiler aus Granit trugen allegorische Bronzefiguren, die Malerei, Poesie, Industrie und Astronomie verkörperten; zwei davon sind im Gemäle von Moll dokumentiert. Dieses Bauwerk war bis 1928 in Betrieb und wurde anschließend durch die bis heute bestehende Augartenbrücke ersetzt. 

Ebenfalls interessant ist, dass Moll am anderen Ufer flussaufwärts die Anlegestelle für Handelswaren abbildete. Zum Zeitpunkt, als Moll diese Ansicht malte, dürfte die unter dem Kai geführte Stadtbahn bereits im Bau oder möglicherweise schon vollendet gewesen sein. Denn wegen des Baus der Wiener Stadtbahn mussten die Anlegestellen und der sogenannte Schanzelmarkt im Jahr 1893 vom Franz-Josefs-Kai abgesiedelt und an das andere Ufer des Donaukanals flussaufwärts der Augartenbrücke verlegt werden. 

Das Gemälde von Moll ist nicht nur ein besonders schönes Werk des Wiener Jugendstils, sondern auch eine besonders interessante historische Ansicht der sich entwickelnden Stadt Wien.